Im Deutschen tobt schon seit Jahrzenten ein Sprachenstreit, der ausgerechnet demokratiefeindlichen Parteien am Rand des Spektrums viele Wählerstimmen zuschwemmt; durch ihr Versprechen, die alte Sprache zurück zu bringen.
Eine Lösung ist nicht in Sicht; weil beide Parteien auf ihrem Standpunkt beharren. Sowohl die, die für eine gerechte Sprache kämpfen, als auch die, die sie sprechbar halten wollen.
Interessant wird es, wenn wir auf unserer Suche nach einer Lösung nicht in den Teller mit der brodelnden Suppe schauen, sondern über den Tellerrand hinaus.
Auf unsere Geschwistersprachen, und wie sie mit der Gendergerechtigkeit umgehen.
In der Familie der „germanischen Sprachen“ sind wir zu siebt: Englisch, Isländisch, Niederländisch, Dänisch, Schwedisch, Norwegisch und natürlich Deutsch.
Isländisch ist die älteste, zusammen mit den skandinavischen Sprachen belegt es regelmäßig die höchsten Plätze in den Gender-Equality-Rankings. Wir haben aber nicht nur besonders gendergerechte Gesellschaften in der Sprachfamilie, sondern mit dem Englischen auch die meistgesprochene Sprache der Erde; noch vor dem chinesischen „Mandarin“. Die germanischen Sprachen sind also eine der erfolgreichsten Sprachfamilien der Erde.
Vor 2300 Jahren waren die 7 Geschwister noch mit einer einzigen Sprache unterwegs. Gesprochen wurde sie im Bereich der westlichen Ostsee, dort wo Dänemark, Deutschland und Schweden per Schifffahrt miteinander verbunden waren. Diese Ausgangssprache hatte, bevor sie sich aufteilte, 3 Genera, und ebenfalls auch Begriffe für Frauen.
Ein König hieß in dieser frühen altgermanischen Sprache kuningaz, die Königin hingegen kuninginiz. Leider gibt es aus dieser Zeit keine schriftlichen Aufzeichnungen. Wir können uns aber anschauen, was die heutigen germanischen Sprachen aus den damaligen Ausgangswörtern und den daraus abgeleiteten Feminina gemacht haben.
| Lehrer | Situation vor dem Wandel | Wandel | Situation nach dem Wandel | ||||
| Oberbegriff | Feminina | Maskulina | Oberbegriff | Feminina | Maskulina | ||
| Deutsch | Lehrer | Lehrerin | identisch mit dem Oberbegriff |
1980-heute | – | Lehrerin | Lehrer |
| Englisch | teacher | teacheress | 19. Jh. | teacher | – | – | |
| Niederländisch | leraar | lerares | 20./21. Jh. | leraar | – | – | |
| Schwedisch | lärare | lärarinna | 19./20. Jh. | lärare | – | – | |
| Dänisch | lærer | lærerinde | 19./20. Jh. | lærer | – | – | |
| Norwegisch | lærer | lærerinne | 19./20. Jh. | lærer | – | – | |
| Isländisch | kennari | kennslukona | seit langem | kennari | – | – | |
| Schüler | Situation vor dem Wandel | Wandel | Situation nach dem Wandel | ||||
| Oberbegriff | Feminina | Maskulina | Oberbegriff | Feminina | Maskulina | ||
| Deutsch | Schüler | Schülerin | identisch mit dem Oberbegriff |
1980-heute | – | Schülerin | Schüler |
| Englisch | pupil | pupiless | 19. Jh. | pupil | – | – | |
| Niederländisch | leerling | leerlinge | 20./21. Jh. | leerling | – | – | |
| Schwedisch | elev | elevinna | 19./20. Jh. | elev | – | – | |
| Dänisch | elev | elevinde | 19./20. Jh. | elev | – | – | |
| Norwegisch | elev | elevinne | 19./20. Jh. | elev | – | – | |
| Isländisch | nemandi | nemanda-kona | seit langem | nemandi | – | – | |
| Influencer | Situation vor dem Wandel | Wandel | Situation nach dem Wandel | ||||
| Oberbegriff | Feminina | Maskulina | Oberbegriff | Feminina | Maskulina | ||
| Deutsch | Influencer | – | – | im Gange | – | Influencerin | Influencer |
| Englisch | Influencer, bzw. was bei uns heute „Influencerinnen, Influencer und die dazwischen“ genannt wird, betraten unsere Geschwistersprachen erst nach deren Sprachwandel |
abge- schlossen |
influencer | – | – | ||
| Niederländisch | influencer | – | – | ||||
| Schwedisch | influencer | – | – | ||||
| Dänisch | influencer | – | – | ||||
| Norwegisch | influencer | – | – | ||||
| Isländisch | influencer | – | – | ||||
Alle Geschwistersprachen beendeten die doppelte Nutzung der Kurzformen, also die Unsicherheit, ob mit „teacher“ alle oder nur Männer gemeint sind. Sie taten das, indem sie die Feminina strichen und nicht die Oberbegriffe. Und – sie taten das, ohne dass sich jemand darüber den Kopf zerbrach; sondern durch ganz normalen Sprachwandel.
Ihre Oberbegriffe gelten, anders als bei uns, eindeutig für alle Menschen; für Frauen, Männer und Nonbinäre. Die Benennung von Frauen wurde zwar so etwas aufwändiger, aber dieser Nachteil wird kompensiert durch die größeren Vorteile, die eine symmetrische und somit wirklich gerechte Sprache mit sich bringt. Keine ablenkende Sexualisierung mehr; wieso Geschlechter nennen, wenn es nicht um Geschlechter geht? Mit diesem Weg landen unsere Geschwistersprachen in allen internationalen Rankings zur Gendergerechtigkeit weit vor den deutschsprachigen Ländern: Im Genderequality-Index ’24 der EU liegen unsere Geschwistersprachen gemittelt auf Rang 6, die deutschsprachigen auf Rang 11. Global gesehen liegen wir auf Rang 20, unsere Geschwistersprachen, jetzt mit Island und Norwegen, auf Rang 8! 1
Wenn das Gendern offensichtlich keine Gendergerechtigkeit bringt, aber die Sprache massiv kompliziert macht, wieso ging dann die deutsche Sprache diesen paradoxen Sonderweg? Wieso ließ sie nicht die problematischen2 Feminina auslaufen, sondern eliminierte statt dessen die Oberbegriffe?
Die Oberbegriffe, aus denen sich die Feminina vor ca 3.000 Jahren überhaupt erst entwickelten! Was machte bei uns die Feminina so stark, dass sie sogar ihre Ausgangsform zerstören, den Stamm aus dem sie selbst entwuchsen?
Auf diese Art kommt es zu einem Paradoxon, das unsere Sprache auch in Zukunft nicht ruhen lassen wird. Die Feminina wie Bäckerin entwickelten sich vor Jahrtausenden aus den Oberbegriffen, Bäcker waren damals alle Menschen, die buken.
Nachdem die Kurzform nun den Männern zugesprochen wurde, ist die „Bäckerin“ zwar immer noch vom Bäcker abgeleitet, der aber in der neuen Interpretation ein Mann ist.
Während die Religionswissenschaft also gerade vom Bild der Eva, die aus der Rippe von Adam entstanden ist, abzuwerfen versucht, hat der Feminismus auf sprachlicher Ebene genau diese Unterordnung der Frau unter den Mann neu in die Welt gesetzt. Bäckerinnen sind nicht mehr aus backenden Menschen abgeleitet, sondern aus backenden Männern. Eines von vielen Beispielen dafür, dass beim Versuch, die Feminina zu retten, mehr Probleme entstehen als gelöst werden.
Wie konnten die Feminina in der deutschen Sprache so mächtig werden, dass sie es – als Unterbegriffe – schafften, ihre sprachlichen Eltern zu zerstören?
Wie schafften sie es, unsere Sprache derart mit Geschlechtern zu sexualisieren? Wo wir doch eigentlich wollen, dass Geschlechter nicht mehr diese Rolle spielen sollen wie bisher? Wie kam es dazu, dass wir dieses Paradoxon nicht beim Namen „sexualisierte Sprache“ nennen, sondern diese traurige Entwicklung sogar noch euphemistisch als „gendersensibel“ bezeichnen?
Statt zu erkennen, welche fatalen Auswirkungen der ständige Blick aufs Geschlecht für den Wunsch hat, dass Geschlechter nicht mehr diese Rolle spielen sollen?
Das ist es, worum es auf diesen Seiten geht.
Wieso funktionierte die “Schwarmintelligenz der natürlichen Sprachentwicklung” nicht bei uns?
Wieso hielten wir selbst dann noch an den destruktiven Feminina fest, als uns deutlich emanzipiertere Länder den Weg zur symmetrischen Sprache zeigten?
Wieso erzwangen bei uns zu einer Zeit, als sich die natürliche Sprachentwicklung durchzusetzen drohte, Gerichte und Gesetzgeber die Fortführung der Eliminierung der Oberbegriffe 3?
Wieso konnte das trotz großem Widerspruchs in der Bevölkerung passieren, und trotz des damit verbundenen traurigen wie erfolgreichen Wählerfangs demokratiefeindlicher Parteien, die die Rückkehr zur „alten Sprache“ versprechen, sobald sie erst einmal an der Macht sind.
Das ist die Frage, die geklärt werden muss, wenn sich unsere Sprache irgendwann wieder auf eine ähnlich weise Art entwickeln soll wie es ihre Geschwistersprachen taten.
LIegt der Ursprung für die Fehlentwicklung in den 1980er Jahren, oder doch, wie neue Veröffentlichungen4 vermuten, bei den Nazis 50 Jahre zuvor?
Was dagegen spricht: der Zeitraum, in dem die meisten unserer Geschwistersprachen ihren Wandel vollzogen, und die deutsche Sprache ihn verweigerte, deuten auf einen älteren Ursprung hin.
Wieso sind wir nicht schon im 19. Jahrhundert den gerechten Weg der skandinavischen Sprachen gegangen? Oder wie die Engländer noch früher? Oder wenigstens, wie unsere niederländischen Nachbarn, in den letzten Jahrzehnten?
Die Aufladungsthese hat eine Erklärung gefunden. Ausgerechnet auf deutschsprachigem Boden kamen während der Inquisitionszeit mehrere Punkte zusammen: Auf deutschsprachigem Boden gab es besonders viele Opfer, verbunden mit einem hoher Frauenantei; 4 von 5 getöteten waren Frauen. Außerdem lief diese Zeit der Hexenverfolgung sehr lange, in seiner intensiven Phase über 120 Jahre lang.
Kann es sein, dass während dieser Zeit ein oft während solch emotional verlaufender Kämpfe unbewußt ablaufender sprachlicher Vorgang, Meliorisierung genannt, die Weichen stellte für die eigenartige Entwicklung der deutschen Sprache, mit dieser unangreifbaren Stellung der Feminina?
- GGGR ’24: Island1 Finnland2 Norwegen3 Schweden5 Dänemark9 Niederlande28; Deutschland10 Österreich24 Schweiz26
EIGE’24: Schweden1 Dänemark2 Niederlande2 Finnland5; Deutschland10 Österreich11 ↩︎ - Neben ihrer offensichtlich toxischen Wirkung auf die Oberbegriff-Funktion der Kurzbegriffe sind da vor allem die sprachliche Unterordnung der Frau unter den Mann und die Kennzeichnung ausschließlich der Frauen, wahrscheinlich primär als Sexualobjekt. Bei den Doppelformen kommt noch das Verschweigen nonbinärer Menschen hinzu. ↩︎
- 1996 entschied der deutsche Bundesrat nach einem Rechtstreit, dass mit „Inhaber“ nicht mehr alle Menschen gemeint sind, die einen Reisepass beantragen, sondern nur noch Männer. Das Feld, in welchem der Empfang des Passes quittiert wird, hieß in der Folge „Inhaber bzw. Inhaberin“. ↩︎
- Die Welt, Matthias Heine: „Gendern wie Hitler“ ↩︎