Ohne zu verstehen, wie es zu der verfahrenen aktuellen Sprachsituation kam, wird unsere Sprache keine Chance haben, wieder zu einer halbwegs freien Entwicklungfähigkeit zurück zu finden.
Um die elementar wichtigen Abschnitte besser zu finden, sind sie gelb unterlegt.
Vor 5.000 Jahren: Entstehung von Wörtern wie Jäger, Schreiber, Sänger
Was wir heute wissen: diese Begriffe galten für alle Menschen, die jagten, schrieben oder sangen. Männer waren damit nie gemeint. Wer jagte, war Jäger, egal welches Geschlecht er hatte.
Woher wir das wissen?
Als diese Begriffe entstanden, gab es weder feminine Formen (Jägerin, Sängerin) noch Artikel mit Genera wie die heutigen “der“, „die“ oder „das“. Die damalige Sprache hatte also schlicht und ergreifend nicht die sprachlichen Mittel, das zu realisieren, was ihr durch den Feminismus all die Jahre vorgeworfen wurde.
Wir wissen das einer Keilschrift auf bis zu 4.000 Jahre alten Tontafeln, geschrieben in Hethitisch; einer Geschwistersprache des Urgermanischen. Damit ist die jahrzehntelang gebetsmühlenartig wiederholte Behauptung, mit den “er-Wörtern” wurden schon immer die Männer bevorzugt, widerlegt. Dies wird inzwischen selbst von denen anerkannt, die damals diese Behauptung verbreiteten.
Zum Vorwurf, diese Wörter hätten aber die maskulinen Artikel, also ein „generisches Maskulinum“, lesen Sie bitte die Vorgänge um 450 vor Christus.
Vor 3.000 Jahren: Eine eigene Endung für Frauen
Das „-ini“ entsteht – eine Endung, die sich lange Zeit später, neben ihrer Kennzeichnungsfunktion von Pluralformen, zur ersten direkten Kennzeichnung für Frauen etablieren sollte. Während singende Männer mit zusätzlichen Wörtern umschrieben werden mussten, gab es für singende Frauen nun ein einziges Wort: Sängerin!
Aus dieser Endung haben sichauf Umwegen, jahrtausende später, im Deutschen das „-in„, im Schwedischen das „-inna„, im Dänischen/Norwegischen das „-inde„, im Niederländischen das „-es“ und im Englischen das „-ess“ gebildet. Im Isländischen haben sich gleich mehrere Endungen für das Weibliche entwickelt; z.B. „-kona“ für Frauen und „-stelpa“ für Mädchen.
Eine offene Frage aber bleibt:
Wieso entwickelte sich das weibliche Movem? War es ein frühes Zeichen für Respekt Frauen gegenüber, oder war es eher eine von Männern geschaffene Markierung von Frauen als Sexualobjekt?
Und außerdem: Wieso wurde bei uns im Deutschen 3000 Jahre später das „-in“ so wichtig, dass ihm zuliebe heute sogar die Oberbegriffe geopfert werden, während unsere Geschwistersprachen darauf verzichten konnten?
450 vor Christus: kleiner Irrtum, riesige Folgen
Gut gemeint reicht nicht, es muss auch gut sein!
Oder, anders gesagt: Wahrscheinlich hat kaum ein wissenschaftlicher Irrtum solch große Folgen gehabt wie der um den griechischen Philosophen und frühen Grammatiker Protagoras.
Er und seine Zeitgenossen schauten sich Wörter wie Stein, Feuer, Jäger, Luft, Sonne, Kind, Mond und Milch an. Dabei stellten sie fest, dass sie in drei Schubladen sortiert werden können. Sie unterschieden sich durch ihre Endungen und die Artikel davor. Ähnlich wie in unserer heutigen Sprache, wo vor den einen Wörter ein ‚der‘, vor den anderen ein ‚die‘, und vor den dritten ein ‚das‘ steht.
Mit ihrer Einteilung lagen die Sprachforscher richtig; der Fehler passierte beim Benennen der Schubladen:
Sie nannten sie “maskulin”, “feminin”, und hoppla, eine dritte Gruppe, dann eben noch “unbelebt”. Irgendwie schien das so zu passen.
Damit stülpten sie aber einer über Jahrtausende komplex und diffizil gewachsenen Sprache das uns typische primitive „Thema Nr. 1“, also die Sexualität über. Vielleicht wäre der Fehler nicht passiert, wenn die Frauen damals die Sprache untersucht hätten. Aber es ist wie es ist, der Fehler war gemacht und findet sich heute noch in jedem Schulbuch.
Heute wissen wir es besser: die ersten beiden „Genera“ entstanden im Abstand von mehreren hundert Jahren und hatten mit Geschlechtern überhaupt nichts zu tun. Einfacher Beweis: aus den beiden ersten Artikeln gingen unser heutiges “der” und deutlich später das “das” hervor. Wenn die Forscher damals richtig gelegen hätten, dann hätte es damals erst Männer, dann Kinder, und am Ende erst die Frauen gegeben.
Belegt ist auch, dass das spätere dritte Genus, aus dem sich einmal das deutsche “die” entwickeln sollte, bei seiner Entstehung ebenfalls nichts mit “weiblich” zu tun hatte, sondern etwas mit Plural.
Dieser Fehler fiel 2.000 Jahre lang nicht auf; Sprache galt als gottgegeben und wurde weder angezweifelt noch untersucht.
Völlig anders heute, wo der „Homo deus“ in Sprache genauso eingreift wie in Atomkerne und DNA, oft ohne die Mechanismen zu verstehen und die Folgen zu überblicken. Seit 1980 wurde die Sprache dann auf „Gendergerechtigkeit“ untersucht, leider ohne von der Fehlbenennung um Protagoras zu wissen. Wenn auf der Schublade Maskulinum drauf steht, dann ist da auch Maskulinum drin; dachten sich die Frauen der Feministischen Linguistik, und schon stand das „generische Maskulinum“ am Pranger und konnte sich nicht wehren. Die Sprachwissenschaft konnte beim neuen Tempo nicht mithalten; erst jetzt ist die Forschung so weit, dass die Vorwürfe als widerlegt gelten.
Wie stark trägt der auf diesem Fehler beruhende Sprachenstreit zur allgemeinen Empörung gegen „die da oben“ bei, die in den Augen sehr vieler die Sprache so verunstalten? Und wie sehr befeuert dieser Fehler damit das große Problem unserer Zeit, die Spaltung der Gesellschaft?
Eine Spaltung zwischen denen mit dem Bedürfnis, gerecht zu reden, und denen mit dem Gefühl, dass irgendetwas an dieser neuen Sprache nicht in Ordnung ist.
Eine der stärksten Wurzeln unseres Sprachenstreites liegt also in einer ‚griechischen Verwechselungstragödie‘ um Protagoras. Hätte er und seine Kollegen damals die wahren Hintergründe der Artikel erkannt, oder sie einfach mit 1, 2 und 3 benannt, hätten wir heute keinen Gendersprachenstreit.
Dennoch die Frage: Die Fehlbenennung schlich sich auch in die Grammatiken unserer Geschwistersprachen.
Wieso schafften diese dennoch den Ausstieg aus der Sexualisierung ihrer Sprache, nicht aber das Deutsche?
Der skandinavische Weg: Frauen und Männer finden zusammen
Vom Maskulinum und Femininum zum Utrum
Erklärungsmodelle
Zeit der „Hexenverbrennungen“
Vergleich deutschsprachiger Raum und die Geschwistersprachen.
Mögliche Auswirkungen auf die Sprachentwicklung
1680 bis 1815: die Epoche der Aufklärung
Haben Sie sich schon mal gefragt, wie es dazu kam, dass…
- … die Feministinnen seit den 1980er Jahren eine Sprache mit “Feminina” einfordern, obwohl genau diese Feminina sprachlich den Männern untergeordnet sind; die „Bürgerin“ also aus einem als männlich interpretierten „Bürger“ ableitet? Ähnlich wie Eva aus Adams Rippe.
- … sogar eine ganze Forschungsrichtung, die Genderlinguistik, zwar Gerechtigkeit für alle Gender will, aber ihr ganzes Agieren dem Fortbestand dieser weiblichen Endung unterordnet? Statt auf unsere Geschwistersprachen zu schauen, die diese Endung per natürlicher Sprachentwicklung ablegten, und gleichzeitig in den Rankings zur Gendergerechtigkeit weit vor uns liegen.
- … dass nicht nur Gendersprachler an der “-in”-Endung festhalten wollen, sondern tatsächlich auch die meisten Gendersprachgegner. Auch sie verteidigen die Doppelnennungen als „Zeichen des Respekts“ für Frauen; übersehen dabei aber völlig deren zerstörerische Wirkung auf die alten Oberbegriffe.
Wieso ist die „-in/-innen“-Endung so mächtig?
Obwohl sie erstens nicht gerecht ist und zweitens diese destruktive Wirkung auf die Sprache hat?
Es sieht so aus, dass die Feminina, egal ob einzeln oder als Doppelnennung, einen unsichtbaren Mantel tragen, der sie unangreifbar macht; sie vor jedem Zweifel schützt.
Wir vermuten, dass dieser Schutzmantel real ist und seinen Ursprung in der Aufklärungszeit hat. Eine Epoche, deren Name sich friedlich und harmlos anhört; was aber nichts mit der Realität dieser Zeit zu tun hat. Immerhin beendete sie die Verbrennung von Menschen auf dem Scheiterhaufen und führte gleichzeitig, obwohl sie das Gute wollte, in das furchtbare Morden unschuldiger Menschen während der Französischen Revolution. Nein, die Aufklärungszeit war alles andere als friedlich und harmlos. Sie führte uns Menschen in einem harten Kampf aus einer Zeit des willkürlichen Mordens in unsere heutige, im Vergleich dazu wirklich friedliche Demokratie.
Kaum zu glauben, dass diese wertvolle Zeit, deren Früchte zwar keiner missen will, an deren Kämpfe sich aber kaum einer erinnert, etwas mit unserem Sprachenstreit zu tun haben soll. Aber lesen Sie selbst, es ist gut möglich, dass die damaligen Vorgänge tatsächlich den Grundstein für die oben beschriebenen Widersprüche legten.
Und somit dort auch der Schlüssel zu finden ist, unserer Sprache aus der Sackgasse zu helfen.
Eine kleine Vorwarnung: Es geht um Zusammenhänge, die nicht einfach aufzudröseln sind. Es gibt also mehr zu lesen, als von Internetseiten gewohnt. Erwarten Sie auch nicht die gewohnten Fronten des Gendersprachenstreites, damals gab es ganz andere Fronten.
Hier geht es also in eine These, die vieles erklärt. Vieles erklärt in diesem unendlich scheinenden Streit zwischen denen, die gerecht sein wollen, und denen, die die Sprache nicht verbogen sehen wollen.
1920 – 1945: Sexualisierung der Sprache durch den Nationalsozialismus
2019 überraschte der NS-Forscher Götz Aly im Artikel „Der Aufstieg Hitlers“ in der FR die Leser mit dem Satz, Hitler wäre einer der ersten gewesen, die genderten. Er wurde kaum wahrgenommen, vielleicht weil zeitgleich Corona begann.
2025 kamen zwei Artikel des Welt-Redakteurs Matthias Heine dazu: „Gendern wie Hitler“ und „Das Gendern der Nazis – die ganze Wahrheit“.
In keinem der Veröffentlichungen geht es darum, in welchem Ausmaß die sexualisierende Sprache der Nazis die Eliminierung der Oberbegriffe eingeleitet hat. Daher hier eine grobe Abschätzungen:
Ausgangswerte: Es gab16 Mio Radios im Volk, davon 75% angeschaltet,
im Schnitt waren 3,5 Zuhörer am Radio
8 Doppelnennungen in der Rede.
Zuhörerzahl = 16 Mio x 0,75 x 3,5 = 42 Mio Zuhörer.
Doppelnennungsrezeptionen = 42 Mio x 8 = 336 Mio Rezeptionen.
| 1. Radio-Dichte (Haushalte) | ca. 16 Millionen | Im Deutschen Reich gab es Anfang 1943 ca. 16 Millionen gemeldete Radio-Teilnehmer (Quellen variieren zwischen 15,5 und 17 Mio.). Die Zahl der tatsächlichen Geräte war etwas höher, aber die Zahl der zahlenden Haushalte ist die sicherste Basis. | |||||
2. Einschaltquote (Anteil der Radios) | 75 % | Wichtige Reden von Goebbels oder Hitler, insbesondere nach militärischen Niederlagen (wie Stalingrad kurz zuvor), hatten eine extrem hohe Einschaltquote. 75 % ist ein konservativer Wert, da viele Betriebe und öffentliche Plätze zum Zuhören gezwungen waren oder es aus Angst/Neugier taten. | |||||
| 3. Rezeptionsfaktor | 3,5 Personen | Die Durchschnittsgröße des deutschen Haushalts lag um 1939 bei ca. 3,5 bis 3,7 Personen. Da die Rede abends um 20 Uhr ausgestrahlt wurde (beste Sendezeit), und man davon ausgehen muss, dass auch viele nicht-häusliche Orte zuhörten, ist 3,5 ein vernünftiger Durchschnitt für die tatsächlich Zuhörenden pro eingeschaltetem Radio. |
Das ist sehr wenig für das, was befürchtet werden muss: Dass der Nationalsozialismus durch
1980: Feministische Linguistik
2017: Das Ende des binären Menschenbildes
Am 10. Oktober 2017 leitete das Deutsche Bundesverfassungsgericht eine längst überfällige Änderung des Personenstandsrechts ein. Es erkannte an, dass Kinder geboren werden, die keinem der beiden Geschlechter eindeutig zugeordnet werden können. Sie sollen zukünftig ohne Diskriminierung ohne frühe Operation so leben können, wie sie auf die Welt kamen, und erst nach der Pubertät selbstbestimmt über ihren Geschlechtseintrag entscheiden.
Der österreichische VfGH fällte einen ähnlichen Beschluss am 15. Juni 2018. Die Schweiz hat in diesem Bereich einen anderen Weg gewählt: Dort gibt es seit dem 1. Januar 2022 eine vereinfachte Änderung des Geschlechtseintrags im Ausweis, auch wenn eine dritte Geschlechtsoption bisher nicht eingeführt wurde.
Auch zu diesem Thema werden hier weitergehende Informationen erscheinen.