Aufladungsthese im Detail

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Worum es bei der Aufladungsthese geht – Der Versuch einer kurzen Erklärung

So wie Vereinsfarben und Nationalhymnen sich mit Emotionen aufladen, so passiert das auch mit Sprachbestandteilen.
In den letzten Jahren war das gut zu beobachten bei Genderstern und Sprechpause. Bei denen, die sie nutzen, ist sie aufgeladen mit dem Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen und für das Gute und Gerechte zu kämpfen. Bei den anderen ist sie eher mit negativen Gefühlen verbunden, also Empörung und Ablehnung.
Ähnlich, so die These, könnte das auch während des Kampfes für die Rechte der Frau während der Zeit der Hexenverfolgung gewesen sein. Nur viel extremer; denn das, um was es damals ging, also das pure Recht auf Leben, war viel elementarer als der heutige Kampf, wo es nur um die sprachliche Mitnennung Nonbinärer geht. Der Sprachbestandteil, um den es damals ging, also praktisch das Analoge zum Genderstern, war die schlichte Mitnennung der Frau. Wer von “Bürgern und Bürgerinnen” sprach, zeigte sich als Anhänger der Frauenrechte; wer in seinem Gespräch auf “Bürger” beharrte, zeigte dass er Frauen für minderwertig erachtete.
So entwickelten sich die Doppelnennungen zum heimlichen legalen Erkennungszeichen für alle, die dem Morden der Frauen ein Ende bereiten wollten, gleichzeitig luden sich die Doppelnennungen auf mit dem Respekt für die, die den Kampf wagten, und der Sehnsucht, dass er erfolgreich wird.
Mit je mehr Emotionen dieser Kampf verbunden war, desto stärker wurden die Doppelnennungen mit diesen positiven Emotionen aufgeladen. Aber auch die Dauer des gemeinsamen Streites für das Recht auf Leben der Frauen spielte eine wichtige Rolle: je länger der Kampf ging, desto stärker entwickelte sich die Doppelnennung zum Hoffnungsträger.
Hier könnte der Grund für die besondere Situation der Doppelnennungen im Deutschen liegen:
Ausgerechnet in den deutschsprachigen Regionen war die Rechtlosigkeit der Frauen besonders ausgeprägt.
40% aller Frauenmorde während der Inquisition fanden auf deutschsprachigem Gebiet statt. Der Rest verteilte sich auf Italien, Spanien, Frankreich, die britischen Inseln, Skandinavien und die slawischen Völker.
In deutschsprachigen Regionen wurden nicht nur mit Abstand die meisten Frauen ermordet, auch die Zeit der Unterdrückung dauerte dort viel länger als anderswo.
Während sich also bei uns ein besonders harter Kampf besonders lange hinzog, wurden die Doppelnennungen immer wertvoller, und bekamen einen immer helleren Glanz.
Auf das unverfängliche Thema Fußball bezogen: Stellen Sie sich das blauweiße Farbenmeer vor, das die Schalker erwarten würde, wenn sie 7:1 beim BVB gewonnen hätten.
Und jetzt stellen Sie sich bitte vor, es ginge nicht um ein Fußballspiel, sondern das Leben ihrer Mutter, ihrer Schwester, ihrer Tochter; und der Kampf ginge nicht 90 Minuten, sondern 300 Jahre.
Können Sie sich die Emotionen vorstellen, die mit diesem Sieg im Kampf um das Lebensrecht der Frauen verbunden waren? Das ist vielleicht vergleichbar mit der Befreiung von Frankreich aus den Fesseln Frankreichs, wo es ebenfalls um das Recht auf ein Leben ohne Unterdrückung ging, und wo viele Menschen ihr Leben ließen.
All diese positiven Emotionen wurden damals über 300 Jahre hinweg in die Doppelnennungen interpretiert; am Ende strahlten sie schließlich in einem Glanz, den keiner mehr missen wollte. Wortkombinationen wie “Bürger und Bürgerinnen”,“Sänger und Sängerinnen” oder „Freunde und Freundinnen“ standen schließlich Pate für den so wichtigen und erfolgreichen Kampf gegen die Entrechtung der Frau.

Dass also im deutschsprachigen Rundfunk heute ähnlich gesprochen wird wie in Goebbels Rede zum Totalen Krieg liegt nicht daran, dass der ÖRR dem Beispiel der Nazis folgte, sondern daran, dass sich beide Seiten aus unterschiedlichen Gründen zu unterschiedlichen Zeiten des stahlenden Glanzes der Doppelnennungen bedienten. Diese eigentlich schlichte Sprachform ist heute immer noch aufgeladen mit den positiven Gefühlen aus diesem Kampf.

Das Fatale aber: so wie Farben keine Garantie für guten Fußball in sich tragen, so tragen auch Wortbestandteile wie der Genderstern oder das “-in/-innen” nicht von sich aus die Gerechtigkeit in sich. Sie waren einfach nur da, als der Kampf statt fand; sie standen damals eben als einzige als Aufladungsträger zur Verfügung. Das tragische ist nun, dass die Doppelnennungen nicht das leisten können, für was sie stehen.
Das “-in/-innen” enthält sogar gleich mehrere Makel. Der wichtigste davon: in “Bürger und Bürgerinnen” sind mit “Bürger” die Männer gemeint. Folglich sind die „Bürgerinnen“ von den Männern abgeleitet, ihnen also sprachlich untergeordnet. Diese Asymmetrie kann nie in eine Gerechtigkeit führen, denn diese sprachliche Unterordnung bleibt so lange bestehen, wie es die feminine Form ohne eine analoge maskuline, also eine mit einer analogen Endung für Männer, gibt. 
So kam also mit den Doppelnennungen eine Sprachform zu einer Ehre, die sie nie auszufüllen vermag. Versuche, die beiden Wortbestandteile „Bürger und Bürgerin“ z.B. in „Bürger*in“ so hinzubiegen, dass es sich gerechter anfühlt führten dann zu dem Streit, den wir jetzt im Deutschen haben.

Kann es also sein, dass die Ursache für den deutschen Sonderweg in dieser besonders schwierigen Situation in dieser Schlüsselphase liegt?

SprachbereichGeschätzte Gesamtbevölkerung (ca. 1600)Dauer der HauptverfolgungAuf die Bevölkerung bereinigter Anteil der Hingerichteten (pro 100.000 Einwohner)Frauenanteil an den Hingerichteten (ca.)
Französischer Sprachraumca. 18-20 MillionenLang (ca. 250 Jahre, 1500-1750)Mittel (ca. 30 bis 50)50 % – 60 %
Deutschsprachige Gebiete (HRR)ca. 16-18 MillionenSehr lang (ca. 300 Jahre, 1450-1750)Hoch (ca. 100 bis 150)75 % – 80 %
Italienischer Sprachraumca. 10-12 MillionenLang (ca. 200 Jahre, 1550-1750)Niedrig (ca. 10 bis 20)Hoch (ca. 80 %)
Spanischer Sprachraumca. 6-7 MillionenSehr lang, aber Fokus auf Häresie (ca. 350 Jahre, 1478-1834)Sehr niedrig (<< 10, primär durch Inquisition)Sehr niedrig (ca. 10 %)
Englischer Sprachraum (Großbritannien)ca. 5-6 MillionenMittel (ca. 150 Jahre, 1550-1700)Niedrig (ca. 10 bis 20)75 % – 85 %
Skandinavischer Sprachraumca. 1-2 MillionenKurz und lokal (ca. 100 Jahre, 1600-1700)Niedrig (ca. 5 bis 10)30 % – 50 % (mit hohem Männeranteil in bestimmten Regionen)
Portugiesischer Sprachraumca. 1-1.5 MillionenSehr lang, aber Fokus auf Häresie (ca. 300 Jahre, 1536-1821)Sehr niedrig (<< 10, primär durch Inquisition)Sehr niedrig (ca. 15 %)

Im Skandinavischen Sprachraum gab es über einen viel kürzeren Zeitraum deutlich weniger Tote,

……

Gerade die skandinavischen Sprachen hatten es besonders einfach. Das scheint in der deutschen Sprache besonders schwer. Vielleicht, weil bei uns die Unterdrückung der Frau schon während des Kampfes um ihr Lebensrecht besonders stark war; und damit auch die Aufladung der in’s und innen’s?
Fast die Hälfte aller Hexenprozesse in Europa fanden auf deutschprachigem Boden statt. Wenn die Aufladungsthese stimmt, dann müssten sich die Doppelnennungen im Deutschen wegen dem dort besonders harten Kampf auch besonders mit diesem strahlenden Glanz aufgeladen haben. Vielleicht liegt darin der Grund, dass die Deutsche Sprache nicht den Weg der anderen Sprachen gehen konnte, also daran dass sich die Doppelnennungen im Deutschen mit einer besonders hellen Strahlkraft aufluden?
Auf die dann, 400 Jahre später, Verführer wie Hitler und Goebbels zurückgriffen und sie dank neuer Radiotechnik milliardenfach in die Köpfe des gleichgeschalteten Volkes pressten.
Und nochmal 40 Jahre später die feministische Linguistik so blendete, dass sie die Doppelnennungen trotz der darin enthaltenen sprachlichen Unterordnung der Frau unter den Mann einforderte.
Die Strahlkraft der Doppelnennungen. Gewachsen während des Kampfes um das Lebensrecht der Frau, missbraucht durch die schlimmsten Verführer auf deutschsprachigem Boden, und 1980 immer noch stark genug, den Feminismus so zu blenden, dass er die Ungerechtigkeit im Fundament der Doppelnennungen übersah. 
Soweit die Aufladungsthese, auf ihre Essenz reduziert.