Die meisten halten sie für eine Errungenschaft der Frauenbewegung der 1980er Jahre.
Aber – seit kurzem zeigt sich, dass praktisch aller NS-Größen sie nutzten, Hitler schon seit den frühen 1920ern, Goebbels später. Dass dieser sie ausgerechnet in seiner Rede zum Totalen Krieg, in der er nach Stalingrad mit Protest rechnete, gleich 8 mal einsetzte, deutet darauf hin, dass er eine in ihnen ruhende manipulative Kraft erkannte. Vielleicht dieselbe Kraft, die schon lange zuvor den Sonderweg der deutschen Sprache einleitete, eben die Kraft, die das Kernstück der Aufladungsthese ausmacht.
Die neue Radiotechnik führte zu einer bis dahin ungeahnten Verbreitung der in Mikrofon gebrüllten Doppelnennungen; alleine mit der Liveübertragung von Goebbels Sportpalast-Rede dürften 300 Millionen Doppelnennungen die Ohren des gleichgeschalteten Volkes erreicht haben. Zusammen mit all den anderen Reden dürften das auf die 12 Jahre NS-Herrschaft hochgerechnet zu etlichen Milliarden Doppelnennungs-Rezeptionen geführt haben.
Umso erstaunlicher, dass sich nach ’45 niemand mehr daran erinnerte, wahrscheinlich auch nicht der Feminismus in den 1980er Jahren, als er sich ausgerechnet für diese Sprachform entschied, um die Einflüsse des Patriarchats aus der Sprache zu drängen.

Zu hören sind die 8 Doppelnennungen in Goebbels Totale-Krieg-Rede. Die Frage, die sich stellt: Welchen Anteil haben die damals milliardenfach per Propaganda verbreiteten Doppelnennungen an der heutigen fast deckungsgleichen Sprache im ÖRR. Einer Sprache, die früher wie heute Frauen zu Anhängseln der Männer macht, Minderheiten ausschließt und das Sprechen und Zuhören erschwert.
Wie konnte es passieren, dass diese Sprache nach 1945 so radikal in Vergessenheit geriet?
Einen interessanten Hinweis gibt die unterschiedliche Entwicklung der Doppelnennungen in der DDR und der BRD. Während sich die Frauen in der DDR noch lange als Erzieher und Ingenieur bezeichneten, bestanden die Frauen der feministischen Linguistik in Westdeutschland seit den 1980ern erfolgreich auf die Doppelnennungen. Es ist nicht anzunehmen, dass ihnen damals dieser Zusammenhang bewußt war. Trotz konkreter Anfragen äußerten sich damals aktive Vertreterinnen der Genderlinguistik nicht zu dieser Frage.
Auch die Sprachwissenschaften haben diese im wahrsten Sinne des Wortes ‚unerhörten‘ Vorgänge bisher nicht erforscht. im Gegenteil, die Genderlinguistik hat statt dessen in Rezeptionsstudien nachgewiesen, dass viele solche Wörter wie „Arbeiter, Genosse und Bürger“ oft nicht als Oberbegriffe, sondern als Begriffe für Männer sehen. Womit sich heute, angesichts des Wissens um die Doppelnennungen der Nazis, die Frage stellt, ob diese Erosion der Oberbegriffe auf die damalige Zeit zurück geführt werden kann. Also auf die Wirksamkeit der NS-Propaganda mit ihren milliardenfachen Doppelnennungsrezeptionen beim gleichgeschalteten Volk. Natürlich eine Belastung, die unsere Geschwistersprachen nicht hatten. Dass die generischen Begriffe an sich funktionieren, zeigen sie uns ja alle.
Alles Hinweise, die andeuten dass in der deutschen Sprache die generischen Begriffe nicht erst durch den Feminismus der 1980er Jahre entwertet wurden, sondern mindestens teilweise schon 50 Jahre zuvor durch die Verbreitung der Doppelnennungen in der NS-Propaganda.
Anfang der 80er begann dann die feministische Linguistik in der BRD, die Sprache auf ihre Frauenfeindlichkeit zu untersuchen. Bei ihrem Versuch, die Sprache gerechter zu machen, gab es zwei unterschiedliche Ansätze. Einer, der die generischen Begriffe wie Arzt, Student usw. beibehalten wollte, und statt dessen die diskriminierenden Feminina abschaffen. Es setzte aber der andere Weg durch; also der, der die Feminina bewahren und statt dessen die Oberbegriffe abschafft. Hier hören Sie, wie Luise Pusch über diese paradoxe Grundsatzentscheidung berichtet, eine Entscheidung der Frauen für eine Sprachform, die die Frauen in einem grundlegenden Punkt den Männern unterordnet.
Spätestens 1984 war die Marschrichtung klar, die feministische Linguistik hatte sich dazu entschieden, den bisher geschlechtsneutralen Oberbegriffen mit einer gezielten Strategie die Funktion als Oberbegriffe zu entziehen. Luise Pusch: „Wenn wir Frauen auf dem Femininum bestehen, machen wir damit das Maskulinum geschlechtsspezifisch: In Ausdrücken wie Kolleginnen und Kollegen ist Kollege geschlechtsspezifisch, bezieht sich nur auf Männer. Wenn maskuline Bezeichnungen sich nur auf Männer beziehen können, sind sie, per definitionem, nur noch geschlechtsspezifisch und nicht mehr ‚auch geschlechtsneutral‘, wie bisher über sie behauptet wird. Sie bekommen damit den gleichen Status wie die weiblichen Bezeichnungen, die auch nicht ‚neutral‘ für das andere, männliche Geschlecht stehen können.“ 2
Das Zitat in einfacheren Worten: Lasst uns Frauen gemeinsam dafür sorgen, dass die deutsche Sprachgemeinschaft in Zukunft bei „Lehrer“ und Student nur noch an lehrende oder studierende Männer denken, und nicht mehr an lehrende oder studierende Menschen.
Mitte der 1990er kamen schließlich die Gerichte den Forderungen des Feminismus nach und schrieben die Doppelnennungen in amtlichen Schreiben vor.
Seit 2020 erobern die Doppelnennungen wieder den Rundfunk; 80 Jahre nach Goebbels und 40 Jahre nach der oben zitierten Strategie der feministischen Linguistik („Wenn wir Frauen auf dem Femininum bestehen…“). Frauen müssen nun immer mitgenannt werden:
Doppelnennungen bei der Eröffnungsfeier der Olympiade 2024 in Paris.
Sie hören; selbst Profis haben Probleme beim konsequenten sexualisieren. Und für uns Hörer lenkt die Sprache ab von dem, um was es eigentlich geht.
Eigenartig: All unsere Geschwistersprachen hatten genau wie wir im Deutschen ihre Feminina, z.B. teacheress, lerares, lærarinde usw. Sie entschieden sich aber per natürlicher Sprachentwicklung dafür, nicht „auf dem Femininum zu bestehen“, sondern sie im Gegenteil auslaufen zu lassen. So konnten sie ihre Oberbegriffe bewahren und heute einfach und gerecht reden. Sie diskriminieren weder Menschen mit Spracheinschränkung noch Nonbinäre.
Die große Frage, um die es also geht: Wieso klappte die Schwarmintelligenz der natürlichen Sprachentwicklung bei unseren Nachbarsprachen, aber nicht bei uns?
Dass schon Friedrich Ebert um 1900 und lange zuvor Goethe bereits Doppelnennungen nutzten, lässt ahnen dass die deutsche Sprache schon vor der NS-Zeit aufs falsche Gleis geriet, allerdings damals mit sehr niedrigem Verbreitungsgrad. Die massive Verbreitung durch die frisch installierte Radiotechnik der NS-Propaganda brachte aber einen entscheidenden Faktor ins Spiel, und das gleich über zwei verschiedene Mechanismen:
1. Die pure Masse der per Volksempfänger ausgestrahlten Doppelnennungen beförderte ihre Verwendung beim gleichgeschalteten Volk.
2. Das wiederum verhinderte bei uns die natürliche Entwicklung unserer Geschwistersprachen, also das Auslaufenlassen der im Grunde destruktiven und ungerechten Feminina.
Was machte aber die Doppelnennungen hier bei uns, und nicht bei unseren sprachlichen Geschwistern so stark, dass Hitler und Goebbels damit manipulieren und sich Feministinnen augerechnet für sie entschieden, trotz der damit verbundenen sprachlichen Unterordnung unter die Männer?
Für die Beendigung des Sprachenstreits wäre die Auflösung dieses Rätsels Gold wert.
Die Aufladungsthese kann das liefern. Sie erklärt als bisher einzige all die Paradoxa.
Aber – selbst, wenn sie mangels Daten zur vor vielen Jahrhunderten gesprochenen Sprache weder verifiziert noch verworfen werden kann:
Macht es Sinn, den aktuellen Weg derSexualisierung unserer Sprache weiter zu gehen?
- Wollen wir wirklich ständig Geschechter nennen, obwohl wir wollen, dass sie nicht mehr diese alte, dominante Rolle spielen sollen.
- Macht es Sinn, Frauen weiter den Männern sprachlich unterzuordnen? Die Männer das Stammwort, die Frauen daraus abgeleitet, auf ewig die Eva, die aus Adams Rippe stammt.
- Macht es Sinn, weiter eine Sprache zu sprechen, die spaltet statt zu vereinen3, und sogar unser eigenes Verfassungsgericht ignoriert4?
Oder sollten wir nicht allein schon aus diesen Gründen die seltsamen rechtlichen Hürden beseitigen, die unserer Sprache den gerechten Weg dorthin verbauen, wo unsere gerechten, inklusiven Geschwistersprachen schon lange sind?
- Angaben zu den Quellen:
Bild: Goebbels 1934, Bundesarchiv, Bild 102-17049 / Fotograf: Georg Pahl, Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Germany
Audio 1: Joseph Goebbels, Rede im Berliner Sportpalast („Totaler Krieg“), 18. Februar 1943. Bereitgestellt via Internet Archive (archive.org). Status: Gemeinfrei / Public Domain
Audio 2: Ausschnitte aus einem Livestream der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele Paris 2024. Urheber: © Eurosport / Warner Bros. Discovery. Link zum YouTube-Video von Eurosport. Die Nutzung erfolgt zu Dokumentationszwecken (wenige Sekunden aus 4:06:55 Stunden). ↩︎ - Pusch, L.F.: Weibliche Personenbezeichnungen als Mittel weiblicher Realitätsdefinition. In: Kürschner, W./ Vogt, R., unter Mitwirkung von S. Siebert-Nemann [Hg.] Sprachtheorie, Pragmatik, Interdisziplinäres. Akten des 19. Linguistischen Kolloquiums Vechta 1984 (LA 157). Bd. 2. Tübingen: 257-273, hier S. 264 ↩︎
- Wir haben „Lehrer und Lehrerinnen“, unsere Geschwistersprachen „teachers“, „leraren“ oder „lärare“ ↩︎
- Beschluss des Bundesverfassungsgericht zum „dritten Geschlecht“ am 10. Oktober 2017 ↩︎